Projektergebnisse
Ansätze einer didaktisch-methodischen Konzeption
Überblick
Entlang der ursprünglichen Zielsetzung wurde ein Überblick über die Organisation, die pädagogische und curriculare Entwicklung, die Unterrichtsgestaltung sowie die Zusammenarbeit mit dem medizinischen Personal an den Schulen der beteiligten Partner erarbeitet. Daraus folgte eine Ableitung für „Best Practice“ an Schulen und im Unterricht für psychisch kranke Kinder und Jugendliche. Die Beobachtungen aus den konkreten Unterrichtsbesuchen an den einzelnen Schulen erfolgte über einen vom Projekt entwickelten Beobachtungsbogen (s. List of project results: Aktivität Bad Homburg, Beobachtungsbogen). Die wesentliche Komponente des Unterrichts besteht im Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden. Dazu bedarf es klarer Strukturen und Regeln, die beiden Seiten die entsprechende Sicherheit im Umgang miteinander bietet. Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen psychischen Krankheitsbilder der Schülerinnen und Schüler ist eine enge Zusammenarbeit von Pflege, Sozialarbeit, Therapie, Medizin und Schule unerlässlich. Damit müssen sich allerdings auch zwei verschiedene Systeme in ihrer Arbeit verschränken und ergänzen. Eine enge Zusammenarbeit, die von allen Seiten gelebt und auch gewünscht werden muss. Priorität in Klinik und Krankenhausschule hat die Therapie. Der Fokus während des Klinikaufenthaltes liegt in der Therapie des jeweiligen Krankheitsbildes. Lerninhalte werden situationsbezogen auf die aktuelle Verfassung der Lernenden sowie deren Bedürfnisse, Interessen, Ziele und Möglichkeiten vermittelt. Die Lerninhalte orientieren sich an den Vorgaben der Stammschulen und maßgeblichen Curricula. Der Unterricht selbst bedarf einer offenen, freundlichen, empathischen Atmosphäre und findet im Sinne von Chancengleichheit und Inklusion oft in Form innerer und äußerer Differenzierung statt. Solange kein direkter oder indirekter (z.B. Wechsel der Schulstufe) administrativer Zwang zur Notengebung vorliegt, erscheint es pädagogisch und therapeutisch sinnvoller, den Schülerinnen und Schülern ihre Leistungen und ihre potenzielle Leistungsfähigkeit in deskriptiver, an die persönliche Verfassung orientierter Form zu beurteilen. Zur Wiedereingliederung in die Stammschule ist die intensive Kommunikation mit Stammschule, Eltern, Klink und ggf. weiteren Hilfesystemen unerlässlich.
Beurteilung der Zielsetzungen
Im Laufe des Projektes hat sich herausgestellt, dass die gewählten Zielsetzungen grundsätzlich in ihrer Bedeutung und Priorität relevant ausgewählt wurden.
Im Einzelnen:
- „Erfahrungsaustausch zur Organisation von Schule und Unterricht …“
Auch wenn dieses Ziel als äußerst wichtig eingestuft wurde, stellte sich im Nachhinein heraus, dass das Teilziel „Wiedereingliederung“ zu kurz behandelt wurde. Die Partner haben sich daher entschlossen, ein weiteres Erasmus+ Projekt zu beantragen, dass sich speziell mit dieser Thematik befassen soll.
- „Erfahrungsaustausch zur pädagogischen und curricularen Entwicklung …“
Innerhalb der einzelnen Aktivitäten ergab sich eine starke Fokussierung auf die pädagogischen Inhalte. Im Rahmen der therapeutischen Heilbemühungen auch innerhalb der Unterrichtspraxis der Klinikschulen treten curriculare Inhalte eher in den Hintergrund. Auf Grund der fächerspezifischen Orientierung der Klinikschulen an die Unterrichtsinhalte der Stammschulen ergibt sich von selbsine starke Bindung an curriculare Inhalte auf der Fächerebene.
- „Erfahrungsaustausch zur Unterrichtsgestaltung …“
Der Erfahrungsaustausch zur Gestaltung des Unterrichts war eine der wesentlichen Ziele des gesamten Projektes. Trotz sehr unterschiedlicher Rahmenbedingungen und Unterrichtskonzepte der einzelnen Schulen stellten sich die Zielsetzungen im Rahmen der konkreten Unterrichtsgestaltung doch als sehr ähnlich heraus. Im Wesentlichen lagen die Schwerpunkte des Unterrichts in der „Hinwendung der Lehrkraft auf die Persönlichkeit der Schülerinnen und Schüler“, der „Berücksichtigung ihrer psycho-sozialen Verfassung“ sowie der „Betonung ihrer psycho-sozialen Entwicklung“.
- „Erfahrungsaustausch über die Zusammenarbeit mit medizinischem Personal …“
Sowohl in Bad Homburg als auch in Linz hat sich gezeigt, dass ohne eine enge, auf die psychische Situation der Schülerinnen und Schüler gerichtete Zusammenarbeit mit dem Personal der Bereiche Pflege, Sozialarbeit, Therapie und Medizin der Unterricht an den Klinikschulen, die Therapie der Schülerinnen und Schüler nicht nachhaltig würde unterstützen können. Hierbei kommt es stark auf den Willen und die Einsatzbereitschaft der beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der beteiligten Organisationen an.
- „Erfahrungsaustausch von Ausbildungs- und Fördermöglichkeiten …“
Ein Austausch über mögliche Ausbildungsgänge oder Fortbildungsangebote hat kaum stattgefunden, da diese speziell in Deutschland nicht in erwähnenswertem Maße vorhanden sind. Es kann eher als Ergebnis des Projektes festgestellt werden, dass hier von administrativer Seite ein erheblicher Nachholbedarf besteht. Weitere Informationen zu der Ausbildung in Österreich finden Sie online.
- Einsatz digitaler Lernhilfen:
Im Rahmen eines früheren Erasmus+ - Projektes entwickelte neben anderen die virtuelle Ergänzungsschule „Jule“, Paderborn, eine internetbasierte Lernplattform (Mokodesk), über die Schülerinnen und Schüler, die (oft krankheitsbedingt) nicht am Unterricht in Schulen und Klassenverbänden teilnehmen können. Neben der Möglichkeit der persönlichen Kommunikation zwischen Lehrkraft und Lernenden via Videokonferenz können Unterrichtsinhalte auch nonverbal vermittelt und überprüft werden. In Klinikschulen kann sich der Einsatz für Schülerinnen und Schüler anbieten, die temporär nicht am Unterricht in einer Gruppe teilnehmen können. Eine weitere Anwendungsmöglichkeit ergibt sich in der Beschulung von heterogenen Gruppen, in denen fast alle Gruppenmitglieder auf Grund von Alter, Jahrgangsstufe und/oder Schulform unterschiedliche Lerninhalte bearbeiten. Durch die Arbeit über Bildschirm und Headset kann die Kommunikation zwischen Lehrkraft und Lernende individuell gestaltet werden, ohne die übrigen Gruppenmitglieder im Klassenraum zu stören. Vor dem Hintergrund der o.g. Fokussierung des Unterrichts auf Beziehung, Persönlichkeitsentwicklung und situativer Verfassung stellt die digitale Lernhilfe eine Ergänzung, nicht aber einen Ersatz, des Gruppenunterrichts in Klinikschulen dar. Im Rahmen des Projektes wurden Übersichten über die Chancen und Risiken von Online-Lernen und der Nutzung künstlicher Intelligenz sowie deren soziale Folgen erstellt (s. (s. List of project results: Aktivität Paderborn: Risiken und Chancen des Online-Lernens, Risiken und Chancen der Nutzung von künstlicher Intelligenz, Sie sozialen Folgen von künstlicher Intelligenz).
Ansätze eines didaktisch-methodischen Konzeptes:
Die heterogene Zusammensetzung der Lerngruppen an Klinikschule bezieht sich neben den Unterschiedlichen Krankheitsbildern auch auf Alter, Geschlecht, Jahrgangsstufe, Schulform, Aufenthaltszeit in der Klinik, sozio-kultureller Hintergrund sowie die familiäre Situation. Dass sich die Unterrichtsgestaltung damit deutlich vom Unterricht an den jeweiligen Stammschulen unterscheiden muss, ist offensichtlich. Da die Therapie der jeweiligen Krankheitsbilder der Kinder und Jugendlichen die oberste Priorität besitzt, haben sich das Verhalten der Lehrkräfte sowie die didaktisch-methodische Konzeption des Unterrichts an diesen Umstand zu orientieren. Die psychische Verfassung der Schülerinnen und Schüler ist zudem meist größeren Schwankungen unterworfen, was eine gewisse Unvorhersehbarkeit des Unterrichtsgeschehens mit sich bringt. Die Auswahl von Lernzielen und Lerninhalten sowie der Einsatz von Lernmitteln kann und muss damit zwar für jede Schülerin und jeden Schüler vorbereitet werden, ist aber jederzeit der Gefahr der situativen Anpassung an die aktuellen Gegebenheiten und die jeweilige psychische Verfassung der Schülerinnen und Schüler ausgesetzt. Es bedarf also eines Konzeptes der Unterrichtsgestaltung, das situativ auf das jeweilige Erfordernis bezüglich Unterstützung der Lernenden, psychische Verfassung, Organisation, Didaktik, Differenzierung, Inhalt usw. eingeht. Im Vordergrund steht dabei das Individuum, nicht das Schulfach. Die Lerninhalte orientieren sich an Stammschule und Curriculum, deren Vermittlung erfolgt allerdings situationsbezogen unter Berücksichtigung der Heilungserfordernisse in offener, freundlicher, empathischer Atmosphäre.
Konkrete Ergebnisse der interregionalen Zusammenarbeit
- Gemeinsamkeiten der Schulen in Bad Homburg und Linz
Im Rahmen des interregionalen Austauschs wurden zahlreiche gemeinsame Merkmale herausgearbeitet, die den pädagogischen und therapeutischen Alltag prägen. Durch kontinuierliche Diskussionen und das gemeinsame Zusammentragen von Erfahrungen wurde sichtbar, dass in beiden Einrichtungen regelmäßige Teambesprechungen in enger Abstimmung mit den jeweiligen Stationen stattfinden. Auch der intensive Austausch mit dem Krankenhauspersonal wurde gemeinsam als zentraler Faktor identifiziert, um eine bestmögliche Betreuung der Schülerinnen und Schüler zu gewährleisten. Dabei betonten beide Teams, wie bedeutsam es ist, stets die tagesaktuelle Verfassung der Lernenden zu berücksichtigen, um flexibel und individuell auf deren Bedürfnisse reagieren zu können.
Im kollegialen Abwägungsprozess zeigte sich zudem, dass das Personal beider Schulen durch hohe fachliche Kompetenz und großes Engagement gekennzeichnet ist. Gemeinsam wurde herausgestellt, dass Therapien parallel zur Unterrichtszeit stattfinden und dadurch eine ganzheitliche Verzahnung von Lernen und Behandlung möglich wird. Ebenso ergab sich aus dem Austausch, dass die Lerngruppen in beiden Einrichtungen alters- und kompetenzheterogen zusammengesetzt sind, was eine differenzierte und bedarfsgerechte Unterrichtsgestaltung erfordert.
Besonders einig waren sich die beteiligten Teams darin, dass in beiden Schulen die Beziehungsgestaltung zwischen Lehrkräften und Lernenden eine tragende Rolle spielt und wesentlich zu einem vertrauensvollen Lernumfeld beiträgt. Auch der Einsatz digitaler Medien wurde als gemeinsames Merkmal identifiziert. Durch die regelmäßig wechselnden Lerngruppen wurde im Austausch zudem die Notwendigkeit einer hohen Flexibilität und Anpassungsfähigkeit in der pädagogischen Arbeit betont.
- Ableitungen für „Best Practice“ in Schulen für Kranke (SfK)
Im interregionalen Austausch zwischen den Teams aus Bad Homburg und Linz wurden zentrale Elemente einer möglichen „Best Practice“ für Schulen für Kranke gemeinsam erarbeitet. Durch den Vergleich der Arbeitsweisen sowie durch wiederholtes Abstimmen, Diskutieren und Bündeln der jeweiligen Erfahrungen wurde sichtbar, dass der Schule als verlässlicher Lern- und Lebensort im Krankenhaus eine besonders tragende Rolle zukommt. Beide Teams betonten im gemeinsamen Diskurs die Bedeutung klarer Strukturen und Regeln, die sowohl Lernenden als auch Lehrkräften Sicherheit geben und zugleich eine Basis für den Beziehungsaufbau schaffen.
Ebenso herausgearbeitet wurde im multiprofessionellen Austausch, wie wesentlich die enge Zusammenarbeit mit Pflege, Sozialarbeit, Therapie und medizinischem Personal ist. Die gemeinsame Analyse zeigte, dass dadurch eine abgestimmte Begleitung entsteht, die Unterricht und therapeutische Prozesse sinnvoll verzahnt und auf den individuellen Heilungs- und Entwicklungsverlauf abgestimmt bleibt. Gleichzeitig wurde gemeinschaftlich betont, dass Lernräume Freiräume für Rekreation, persönliche Entfaltung und heilpädagogische Prozesse bieten müssen. Dabei erwies sich der Perspektivenwechsel – etwa zwischen der Sicht der Lernenden und der Lehrkräfte – als wertvoller Reflexionsimpuls.
Inhaltlich einigten sich die beteiligten Teams darauf, dass das Individuum und seine Bedürfnisse im Vordergrund stehen, nicht die Fachinhalte allein. Die in den Gesprächen zusammengeführten Erfahrungen zeigen, dass Lerninhalte zwar an Stammschule und Curriculum orientiert werden, die konkrete Umsetzung jedoch stets an die Verfassung, Interessen und Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler anzupassen ist. Differenzierung, eine positive, zugewandte Atmosphäre sowie die fortlaufende Kommunikation mit Stammschulen und Eltern wurden im gemeinsamen Abwägungsprozess als unverzichtbare Elemente festgehalten. Auch die Diskussion über Leistungsbewertung führte zu einem Konsens: Benotung tritt in den Hintergrund; stattdessen stehen Heilerfolg und psychosoziale Entwicklung im Fokus.
Ein weiterer gemeinsamer Diskussionspunkt war der Umgang mit der Mitarbeit der Schülerinnen und Schüler. Hier kristallisierte sich heraus, dass beschreibende Formen des Arbeits- und Leistungsverhaltens besonders praktikabel sind. Die Reintegrationsbegleitung in die Stammschule wurde in der Zusammenarbeit beider Teams ebenfalls als zentraler Bestandteil bestätigt: Sie unterstützt Übergänge und trägt zu einer nachhaltigen schulischen Entwicklung.
- Konkretisierung von Best-Practice-Elementen anhand von Fallbeispielen mit Priorisierung
Die aus der interregionalen Zusammenarbeit gewonnenen Analysen der schulischen Abläufe in Bad Homburg und Linz führten zu einer gemeinsamen Priorisierung zentraler Elemente für eine wirksame Schule für Kranke. Im kollegialen Abstimmungsprozess wurde zunächst die Schule selbst als wichtigstes Strukturgebendes Element hervorgehoben: Sie bietet Orientierung, Rhythmisierung des Tages und fungiert als konstanter Bezugspunkt im komplexen Gefüge aus Pflege, Therapie und medizinischer Versorgung. Lehrkräfte wurden im gemeinsamen Austausch als entscheidende Bezugspersonen identifiziert, die Kontinuität und Verlässlichkeit herstellen.
Ebenfalls im gemeinsamen Abwägen entstand die Priorisierung der Tagesstruktur als zweites Schlüsselelement. Die Teams stellten fest, dass offen gestaltete Anfangszeiten, strukturierte Einstiegsphasen, Arbeitssequenzen und Reflexionsphasen den Schülerinnen und Schülern Halt und Orientierung geben und gleichzeitig individuelle Anpassungen ermöglichen.
Als drittes Element wurden die regelmäßig stattfindenden interdisziplinären Besprechungen hervorgehoben. Durch das Zusammenführen der Perspektiven von Lehrkräften, Pflegepersonal, Behandlerinnen und Sozialdienst zeigte sich im Austausch klar, dass diese Abstimmungen essenziell sind, um Lernprozesse eng mit Heilungsverläufen zu verknüpfen und flexibel auf Veränderungen reagieren zu können.
Viertens wurde in den gemeinsamen Reflexionsgesprächen die Bedeutung kollegialer Fallberatung und regelmäßiger Supervision betont. Durch diese Formen strukturierter gemeinsamer Reflexion können komplexe Situationen multiprofessionell betrachtet und pädagogische Entscheidungen fundiert weiterentwickelt werden.
Diese gemeinsam herausgearbeiteten und priorisierten Elemente zeigen, wie sehr Struktur, Interdisziplinarität, kontinuierliche Reflexion und verlässliche Bezugspersonen die Grundlage einer erfolgreichen schulischen Arbeit in Krankenhäusern bilden.